Ihr fragt euch sicher: Was hat es eigentlich mit der „Faltwelt“ auf sich, wer bin ich überhaupt – und warum schreibe ich einen Blog über Reisen? Tja, berechtigte Fragen!
Wie kam es dazu? Ich bin Silvia, mittlerweile stolze 63 Jahre alt (diesen Weg muss man erst einmal schaffen!) und habe viele Jahre in der Bankbranche gearbeitet. Kurz vor dem Ziel war dann der Job weg – na toll. Da ich in der Schweiz lebe, liegt das Rentenalter für Frauen bei 65. Klingt erst einmal gut, oder? Früh in Rente, easy peasy. Naja, so einfach war’s dann doch nicht: Genug Jahre für eine sorgenfreie Rente habe ich in der Schweiz nicht zusammenbekommen. Und das deutsche Rentensystem – ach, dazu muss ich wirklich kein Wort verlieren, das kennen viele von euch selbst. Aber hey, ich bin gesund und wer weiß, wie es in zwei Jahren aussieht? Augen zu und durch, wird schon passen. Also: Plan B! Mit einem Van, der hoffentlich irgendwann mal fertig wird, quer durch Europa reisen und dabei Mietkosten sparen. Klingt klasse – aber bis die Entscheidung stand, habe ich mir regelrecht einen Zahn ausgebissen vor lauter Grübelei, vor allem wegen der Finanzen. Der Grund, warum ich über das Reisen schreibe ist, ich weiß selbst nicht, welche Abenteuer auf mich warten und wie ich sie meistern werde, möchte aber allen Mut machen, einfach mal etwas auszuprobieren – egal, ob ihr in einer ähnlichen Lage seid wie ich oder euch einfach meine Geschichte interessiert. Und warum „Faltwelt“? Nun, ich habe festgestellt: Alles um mich herum – ja, sogar meine Haut – legt sich in Falten. Mein zukünftiges Auto soll ein Faltdach haben ich trinke aus Faltbechern und selbst mein Wasserkocher lässt sich zusammenfalten (kein Scherz – das gibt es wirklich!). Na dann– willkommen in der Faltphase meines Lebens.
„Der Übergang von der Arbeitswelt in den unbekannten neuen Abschnitt“
Etappe 1 Schwarzwald
Man weiß ja: Jedem Neuanfang wohnt ein Zauber inne. Bei mir hat sich dieser Zauber wohl etwas verzaubert, um nicht zu sagen verhext. Das Auto mit dem Faltdach hätte Ende Februar kommen sollen, doch jetzt – am 13. April – warte ich immer noch und soll bis Mitte Mai rechnen. Die Entfaltung des neuen Lebensabschnittes lässt also noch auf sich warten beziehungsweise beschränkt sich rein auf meine Geduld. Seit Ende Mai bin ich zudem aus meiner teuren Schweizer Wohnung ausgezogen und sitze nun im schönen Schwarzwald. Ich versuche, mir das Warten so angenehm wie möglich zu gestalten. Heute regnet es, und das bleibt auch so, daher gibt es von diesen Tagen wohl weniger Fotos. Stattdessen beobachte ich, wie sich meine Stirn in Falten legt, während ich überlege, was ich eigentlich schreiben möchte.
Also, Zeit euch mal meine alte und neue Heimat zu zeigen. Ich wurde in Freiburg geboren, direkt am Fuß des Schwarzwaldes, der seinen ganz eigenen Charme hat – selbst wenn Nebel und Wolken das Bild prägen. Jetzt sitze ich in einem Ferienhaus, das ruhig und idyllisch gelegen ist. Der Blick reicht bis zu den Alpen – zumindest an den Tagen, an denen sich die Berge, die aus der Ferne betrachtet wie gefaltetes weißes Papier wirken, nicht unter den Wolken verstecken. So habe ich nun die Gelegenheit, den Schwarzwald neu zu entdecken und die kleinen Besonderheiten zu genießen, die mir früher vielleicht entgangen sind. Hier mal der Blick aus dem Appartement.
Zugegeben, die Fotos sind nicht die besten und zeigen vor allem viel Natur, Ruhe und Abgeschiedenheit – genau das, was den Schwarzwald ausmacht. Hier lässt es sich gut durchatmen und einfach mal die Stille genießen. Manchmal wird es wohl auch schon etwas einsam werden, besonders wenn das Wetter grau und regnerisch ist. Jetzt kann ich mich ja nicht mehr hinter allerlei mehr oder weniger sinnvollen Arbeitsaufgaben verstecken und den Chef dafür verantwortlich machen, jetzt bin ich für meine eigene Unterhaltung zuständig – auch das ist eine kleine Herausforderung. Aber so bleibt viel Zeit, neue Beschäftigungen auszuprobieren und die kleinen Besonderheiten der Umgebung zu entdecken, die ich früher vielleicht übersehen habe.
Einsamkeit? Muss ich mir erstmal keine großen Sorgen machen – die Vermieterin hat mich netterweise im beschaulichen Waldshut-Tiengen zum Café eingeladen. Der Rhabarber-Baiser-Kuchen war so gut, dass ich mir fast überlege, dafür öfter vorbeizuschauen. Danach folgte ein Spaziergang am Rhein, damit ich mich auch wirklich auskenne. Am Abend haben wir gemeinsam gekocht – und schon fühle ich mich wieder fast wie zuhause. Integration kann so einfach sein.
Nachdem ich nun gelernt habe, wie man „anfeuert“ – hier wird schließlich noch mit Holz geheizt und die Temperaturen können an manchen Tagen ziemlich niedrig sein –, mache ich mich auf zu meiner ersten Tour, um die Umgebung zu erkunden. Die nähere Umgebung ist sehr idyllisch, allerdings musste ich meinen Spaziergang unterbrechen, weil gerade ein Baum gefällt wurde und der hätte mir ja auf den Kopf fallen können. Da bin ich mit der Frau des Holzfällers ins Gespräch gekommen. Gut, dass ich mir da ne Freundin gemacht habe, denn als der Holzfäller später mit laufender Kettensäge aus dem Wald auftauchte, sah er verdächtig nach Michael Myers aus. Eventuell habe ich etwas zu viel Fantasie, naja hier tauchen ja auch die Schwäne ab, wer weiß was es hier sonst noch so gibt.
Nachdem ich Rothaus besucht und mir angeschaut habe, wo das Bier herkommt, das in meiner Jugend so beliebt war, wird es nun Zeit für eine richtige Wanderung. Damit meine ich alles, was länger als eine Stunde dauert, auf und ab durch den Wald führt und am besten als Rundtour angelegt ist. Meine Wahl fiel auf die Wutachschlucht und den Lothenbachkamm – das klingt machbar: 3 Stunden und 14 Minuten Gehzeit, 10,1 Kilometer und jeweils 250 Meter Auf- und Abstieg. Die Tour ist wirklich beeindruckend: Gleich am Anfang erwartet einen ein Wasserfall, danach geht es durch Wälder und Wiesen, über Brücken zum geheimnisvollen gelben Haus – vorausgesetzt, man verliert wie ich kurz den Weg. Unterwegs entdeckt man moosbedeckte Felsen, von denen es scheinbar regnet – im Sommer eine perfekte Erfrischung. Die Route führt weiter über Abschnitte mit Schwebebalken-Feeling, entlang der wilden Wutach und über große Steine, die mitten im Weg liegen. Hier heißt es aufpassen, aber solange man nicht hinfällt, macht es richtig Spaß, Hindernisse zu überwinden und neue Pfade zu erkunden. Da merkt man, dass man es sich im Leben auch manchmal unnötig schwer macht – Angst kommt schnell auf, wenn etwas unbekannt oder kompliziert erscheint, dabei vergisst man leicht, dass gerade das Ausprobieren und Bestehen von Abenteuern so viel Freude bereitet. Sicherheit hat eben auch ihre langweilige Seite. Daran werde ich denken, wenn es mal wieder schwierig wird. Aber jetzt geht‘s weiter Richtung Lothenbachkamm.
Der Lothenbachkamm ist auch sehr wild, etwas schattiger dafür Wasserfälle, Pools, Brücken und Umgestürzte Bäume im Fluss. Irgendwie sehr einladend zum Baden, aber vielleicht lieber im Sommer. Dann geht’s über ein Hochplateau zurück zum Parkplatz. Lecker essen, den Sonnenuntergang anschauen und chillen. Was will man mehr.
Heute wurde ich viel zu früh von unnötigen Textnachrichten geweckt – hätte ich die Smartwatch mal besser weiter weg gelegt. Nun beginnt ein weiterer Tag, an dem Sonne und bis zu 20 Grad angekündigt sind. Der Morgen startet mit einem Blick auf den Sonnenaufgang und den Halbmond.
Also suche ich mir direkt eine neue Wanderung aus – das Schwarzatal klingt schon vielversprechend, allein der Name hat einen geheimnisvollen Klang. Laut Wanderführer erwartet mich ein urwaldähnlicher Bannwald und eine beeindruckende Schluchtenwanderung. Dort wird eine reine Gehzeit von 4,4 Stunden angegeben. Allerdings ist mein Wanderführer mittlerweile elf Jahre alt. Die aktuellen Wander-Apps sind weniger optimistisch und kalkulieren gleich mal 5,5 Stunden. Sind wir in den letzten elf Jahren nicht nur älter, sondern auch langsamer geworden? Vielleicht ist diese Wanderung etwas lang, aber egal – ich bin ja früh genug unterwegs.
Der Weg wirkt zunächst gar nicht besonders anspruchsvoll, aber immer wieder tauchen Schilder auf, die Trittsicherheit verlangen – und warnen, dass keine Fahrräder erlaubt sind. Außerdem besteht das Risiko, dass einem der Wald buchstäblich auf den Kopf fällt. Besonders spannend: Überall liest man von Wölfen, die hier offenbar wieder heimisch werden. Auf eine Begegnung mit ihnen kann ich allerdings gut verzichten.
Allmählich begreife ich, warum überall Warnschilder stehen: Der Weg ist stellenweise kaum auszumachen, übersät mit umgestürzten Bäumen und Felsen, die das Vorankommen erschweren. Plötzlich stürze ich – und das gleich zweimal hintereinander. Unter der dichten Laubschicht verbergen sich tückische Löcher, die man erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Beim letzten Mal bremse ich gerade noch rechtzeitig, mein Gesicht landet nur zehn Zentimeter vor einer scharfkantigen Felsspitze. Ups, da hätte etwas passieren können. Mit der Zeit wird der Weg dann wieder besser und die Wanderung zieht sich doch in die Länge. Auch die 1000 Höhenmeter, die es am Ende wieder hinaufgeht, sind dann doch anstrengend. Aber insgesamt war es sehr schön im Bannwald.
Nicht jeder Tag ist sonnig, aber da die Temperaturen noch über 10 Grad liegen, möchte ich trotzdem etwas unternehmen. Die Black Forest Line ist inzwischen recht berühmt, sie gab es zu meiner Freiburger Zeit allerdings noch nicht – sie wurde erst im Mai 2023 eröffnet. Ich dachte mir, dass bei mittelmäßigem Wetter sicher weniger Touristen unterwegs sind, und damit lag ich richtig. Die Hängebrücke ist einfach gigantisch: Sie überspannt mit 450 Metern Länge eine mindestens 120 Meter tiefe Schlucht (der Wasserfall am Todtnauberg ist 120 Meter hoch). Durch die massive Stahlkonstruktion wirkt die Hängebrücke zwar sehr stabil, aber beim Überqueren schwankt sie doch spürbar. Das ist wirklich ein Erlebnis! Außerdem bietet sich von dort ein großartiger Ausblick auf den Wasserfall. Beeindruckend ist auch, wie die Brücke gebaut wurde. Erst wurden die Drahtseile gespannt, dann jede Platte einzeln in 120 Meter Höhe festgeschraubt. Ihr könnt das bei YouTube ansehen: https://youtube.com/shorts/qjbpU5EDa8w?si=’bFfZLtTFe_UMWu_m
Heute soll es nochmal richtig schön werden, bevor ein paar trübe und kältere Tage anstehen – das muss ich ausnutzen und raus in die Natur! Ich habe mir eine Tour von 3 Stunden und 45 Minuten mit etwa 500 Höhenmetern ausgesucht – genau die richtige Länge für mich. Es geht hoch hinauf auf den Feldberg, auf 1.493 Meter. Einige Passagen sind sogar noch von Schnee bedeckt, trotzdem habe ich den Weg gefunden. Bergauf durch den Schnee zu stapfen ist allerdings ganz schön anstrengend, vor allem, wenn er schon angetaut ist: Mal sinkt man tief ein, dann wieder rutscht man auf eisigen Stellen aus. An Aussichtsplätzen und Türmen vorbei zum Bismarckdenkmal (nein, nicht das in Berlin) sind eigentlich nur Granitblöcke. Dann folgt der Abstieg zum Feldsee, der liegt so idyllisch. Leider darf man seit 2020 nicht mehr darin baden, wegen ausgestorbener Pflanzen. Na ja, dann ist es ja wohl eh zu spät. Vermutlich meinen sie ausgestorbene Pflanzen, die doch nicht ausgestorben sind. Das wären dann ganz normale Pflanzen, oder? Man muss ja nicht alles verstehen, die Aussicht ist dennoch sehr schön.